Karin Hirschfeld, 2002:
Über den Nutzen des Theaters mit Mitarbeitern
Was kann das Theaterspielen mit
Mitarbeitern bringen? Welche Vorzüge besitzt die
Methode gegenüber den kognitiv orientierten
Kommunikationsformen?
Im Spielraum bzw. auf der Bühne kann ein
erlebbares und vielschichtiges Abbild der
Organisation entstehen. Das belebte Spiel unter
Einbeziehung des Körpers und bildhafter
Ausdrucksformen macht Dinge bearbeitbar, die latent
wahrgenommen werden, aber schwer durch Worte zu
fassen (oder auch mit "Sprechverboten" belegt) sind.
Verborgenes kann sichtbar werden. Zum Beispiel: Wie sehen Facetten der
Unternehmenskultur aus? Welche
organisationsinternen Reibungsverluste gibt
es? Welche Widersprüchlichkeiten sind in die
Aufgaben- und Kompetenzverteilung eingebaut?
Dieser Vorzug, bestimmte Themen durch die
Einbeziehung verschiedener Ausdrucksebenen
besser kommunizierbar zu machen, ist eine
generelle Qualität analoger Verfahren (zu
denen z.B. auch das Malen von Bildern oder
das Erzählen von Geschichten über die
Organisation zählen) – und, aufgrund seiner
Vieldimensionalität, insbesondere des
Theaters. Das Verkörpern (eigener) Themen hat eine
unmittelbare Wirkung. Das beim Spiel Gesehene und
Erlebte wird tiefer im Gedächtnis verankert als
Worte. Durch die Einbeziehung der Körperebene
entstehen so Lernerlebnisse mit nachhaltiger
Wirkung. Mit den Körpern erzählte Geschichten oder
dargestellte Bilder schaffen die stabile Grundlage
für ein kollektives Gedächtnis der Beteiligten. In
allen praktischen Erfahrungen zeigte sich auch
längere Zeit nach den Workshops, dass die
Mitwirkenden eine gemeinsame Sprache für bestimmte
Themen gefunden hatten. Sie erleichtert die
Verständigung auch über komplexe Probleme.
Das Spiel ermöglicht den Wechsel zwischen
unterschiedlichen Perspektiven – auf eine
konsequentere Art, als das in Diskussionen
praktiziert wird. So haben die Teilnehmer die
Möglichkeit, abwechselnd selbst zu spielen und als
Zuschauer aus der Distanz die Organisation zu
betrachten, deren Teil sie sind. Diese Außensicht
auf das Ganze oder auf bestimmte Teile der
Organisation bietet eine ungewöhnliche Möglichkeit,
auch die eigene Rolle und ihre Position innerhalb
des Systems zu betrachten. Theater schafft einen Spielraum für Veränderungen.
In diesem Spielraum wird geprobt. Im Theater können
Ideen ausprobiert werden, die später zu reellen
Handlungen im Arbeitsalltag führen. Somit kann das
Theater als Labor einer Organisation genutzt werden
oder als Werkstatt der Visionen. Der Puffer zwischen
(spielerischer) Fiktion und Realität ermöglicht den
Versuch von Neuem, das in Wirklichkeit zu riskant
erschiene. Dies hängt auch zusammen mit den aktivierenden Fähigkeiten des
Spielens. Das Theater liefert keine starre Abbildung
wie eine Folie oder andere Medien. Es ist ein
lebendiges Medium, das auf Kommunikation und
Auseinandersetzung zielt. Interaktive Theaterformen
und das Spiel der MitarbeiterInnen bringen Dynamik
mit sich und regen Kommunikation an.
Hinsichtlich welcher Punkte unterscheidet sich das
Mitarbeitertheater vom Auftreten von
Profi-Darstellern für Unternehmen?
Wo die Mitarbeiter sich selbst äußern
können, ist die Glaubwürdigkeit des
Gezeigten höher als bei professionellen
Inszenierungen, in denen ihnen allein die
Rolle des Rezipienten zugedacht ist.
Unternehmenstheater mit professionellen
Schauspielern gerät oftmals in den Verdacht,
den "pädagogischen Zeigefinger" zu erheben
und die MitarbeiterInnen auf eine neue,
subtile Weise beeinflussen zu wollen. Aber
auch jenseits des Misstrauens gegenüber
monologischen Formen des
Unternehmenstheaters: Wo die Mitarbeiter
selbst ins Spiel kommen, ist das Potential
ihrer Identifikation mit dem Dargestellten
und somit auch die Wahrscheinlichkeit einer
nachhaltigen Wirkung größer. Unternehmenstheater mit Profi-Schauspielern
beinhaltet eine "Stellvertreter-Handlung". Für
manche Zwecke (zum Beispiel die plastische
Darstellung komplizierter Themen auf der Bühne) oder
auch, wenn Inhalte in relativ kurzer Zeit an viele
Personen vermittelt werden sollen, kann das sinnvoll
sein. Aber da, wo es vorrangig um intensives
Erleben, nachhaltige Effekte und die Anregung von
Dynamik und Veränderungsimpulsen geht, ist das
Selber-Machen wahrscheinlich die effektivere
Methode.
Welche Risiken und Unberechenbarkeiten gibt es?
Spiel und Theater mit Mitarbeitern ist natürlich
nicht der methodische Universalschlüssel, der immer
passt und alle Türen öffnet. Es gibt Grenzen wie
auch Risiken und einige Bedingungen, die erfüllt
sein sollten, um das Instrument sinnvoll zu nutzen. Der Einsatz von Unternehmenstheater ist ein Wagnis,
denn seine Wirkung ist nicht von vornherein
absehbar. Das Spielen mit Mitarbeitern erfordert
insofern den Willen, sich auf Unbekanntes
einzulassen – und zwar auf Seiten aller Beteiligten:
welche Themen im Prozess genau aufkommen oder in
welcher Weise Vorgaben umgesetzt werden, bleibt
offen und ist ex ante nicht steuerbar. In dieser
Offenheit liegen Chancen, aber eben auch
Unwägbarkeiten. Mut zu Neuem ist auch von den
Mitarbeitern gefordert – schon alleine
aufgrund der im Arbeitsalltag ungewohnten
Dominanz des körperlichen Ausdrucks beim
Theaterspielen. Vor allem aber kann Spiel
und Theater an persönliche Konflikte rühren,
deren Bearbeitung in einem beschränkten
Seminarrahmen nicht unbedingt einfach (oder
angemessen) ist. Diesem Aspekt ausreichend
Beachtung zu schenken, ist eine Anforderung
an die Spielleitung. Es gibt Spiel- und
Theaterübungen, die tendenziell
Hochproblematisches provozieren – und auch
welche, die die Grenze des im Unternehmen
Verarbeitbaren einhalten. Spiel und Theater erfordern einen geschützten
Raum. Zwar kann Theater helfen, Blockaden zu lösen
und Konflikte kommunizierbar zu machen. In manchen
Fällen aber – vor allem wenn eine oder mehrere der
beteiligten Personen sich akut akut "bedroht" fühlt,
stößt das Spiel an seine Grenzen. So z.B. in
extremen Krisensituationen (z.B. Risiko des
Personalabbaus) oder wenn Beteiligte sich in
scharfer Konkurrenz miteinander sehen. Ein wesentlicher Aspekt der Wirkung von Unternehmenstheater – und dies
gilt auch für das der Profi-Schauspieler – ist der
des Transfers: Unternehmenstheater ist eine
"andersartige" Interventionsform, die zeitlich
beschränkt – und oftmals nur für wenige Stunden -
von außen heran geholt wird. Ob es dauerhaft wirkt,
hängt von der Einbettung in umfassende Prozesse der
Organisations- und Personalentwicklung ab. Von
großer Bedeutung ist hierbei, ob und wie das
spielerische Lernen einen Anschluss in den
konventionellen verbalen Kommunikationsformen
findet. Soll das Theater mehr sein als ein
isoliertes Instrument, ist es sinnvoll, das im Spiel
Erlebte mit klassischen Seminarmethoden
nachzubereiten. |